Kiosk Nonfiktional – aktuelle Positionen dokumentarischer Filmkunst aus der Region 13.–29. September 2021

„Bacha Posh“ sagt man in Afghanistan, wenn Mädchen sich wie Jungen kleiden – hier kann Männerkleidung Freiheit und Sicherheit, auch für erwachsene Frauen, bedeuten.

Aus aktuellem Anlass steht vom 13. bis 20. September Bacha Posh (BOY) von Yalda Afsah und Ginan Seidl im Mittelpunkt der Ausstellung.
Vom 21. bis 29. September beziehen Künstler:innen in Auseinandersetzung mit der Region Position zu aktuellen und historischen Themen. Zu sehen sind Arbeiten von Juliane Jaschnow, Silke Schönfeld, Stefanie Schroeder und Jan Sobotka.

LETsDOK ist eine Initiative der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm und wird von der Staatskanzlei Sachsen-Anhalt und der Mitteldeutschen Medienförderung unterstützt.
Die Ausstellung wird außerdem gefördert durch das Land Sachsen-Anhalt.

Bacha Posh – Installation

13.–20.September: Bacha Posh (BOY)
2-Kanal-Installation von Ginan Seidl und Yalda Afsah | 20 min

Bacha Posh heißt auf Dari, Mädchen als Jungen zu kleiden, was in Afghanistan größere Freiheit und Sicherheit bedeuten kann. Die Dokumentation folgt einem afghanischen Mädchen/Jungen und ihrer Familie.
Auf zwei Screens begleiten wir ruhig, nah und beobachtend zum einen Farahnaz (die afghanische Protagonistin aus BOY) in ihrem Alltag draußen, beim Sport, Friseur, beim Einkaufen etc. und bekommen auf der anderen Seite einen Einblick in das Leben drinnen: die intime Welt der Frauen, der Familie, in der Farahnaz die Freiheit hat, sein zu können, wie sie will. Diese nahen Beobachtungen einer besonderen Familie in Afghanistan sind eingebettet in lange, ruhige Kamerafahrten, die die Straßen von Mazar-e-Sharif zeigen und ein vorsichtiges Bild der Stadt und ihres Zustands zeichnen.

21.–29.September: Programm aus 1-Kanal-Videos, fortlaufend

  1. Rekapitulieren, Juliane Jaschnow | 15 min
  2. [ˈdʊŋkl̩ˌdɔɪ̯ʧlant], Juliane Jaschnow und Stefanie Schroeder | 13 min 13 sec
  3. Ein Prozent – imagined communities, Silke Schönfeld | 7 min
  4. Nach Auschwitz, Jan Sobotka | 20 min

 Rekapitulieren
1-Kanal-Video von Juliane Jaschnow | 15 min

Zwischen Reinszenierung und Bildikone, Kulisse und Original: „Rekapitulieren“ wirft als assoziative Schichtung unterschiedlicher Bild- und Tonelemente den Blick auf die kollektive Konstruktion von Erinnerung und ihrer identitätsstiftenden Modellierung.
Juliane Jaschnow seziert aktuelle und historische Schichtungen des ikonischen Symbols des Reichstags. Die Narrative dieses Ortes werden dekonstruiert und das Erinnerungskondensat, als hybride mediale Kulisse lesbar.

[ˈdʊŋkl̩ˌdɔɪ̯ʧlant]
1-Kanal-Video von Juliane Jaschnow und Stefanie Schroeder | 13 min 13 sec

Dun·kel·deutsch·land [1] umgangssprachlich: aus Sicht eines Bürgers der alten BRD eine abwertende Bezeichnung für die neuen Bundesländer – ehemalige DDR; Charakteristische Wortkombinationen: aus ~ kommen; Synonyme: keine; kein Plural
Geisterbahnfahrt durch die ehemalige Industrieregion Halle/Bitterfeld, die sich ihres Rufs entledigen will: Fabriken und Schornsteine verschwinden – Wellnesscenter breiten sich aus, Schafe grasen unter Solarpanels. Dicht an der neuen Oberfläche lagert die jüngste Vergangenheit. Die subjektive Kamera der in Dunkeldeutschland geborenen Filmemacherinnen sucht stolpernd nach der richtigen Distanz. Ausgangspunkt ist der Dunkeltrakt der ehemaligen ORWO-Filmfabrik.

Ein Prozent – imagined communities
1-Kanal-Video von Silke Schönfeld | 7 min

„Ein Prozent für unser Land e.V.“ ist eine neurechte Bürgerinitiative, die sich nach eigenen Angaben dem „patriotischen Protest gegen die verantwortungslose Politik der Masseneinwanderung“ verschrieben hat. Die Mitglieder werden vom Verfassungsschutz beobachtet.
Der im sächsischen Oybin gegründete Verein inszeniert seine „Protestaktionen“ mit emotionalisierenden Propagandafilmen in den sozialen Medien. Mit der Kamera hat sich Silke Schönfeld auf Spurensuche im analogen Raum begeben, um die Originalschauplätze dieser „Protestaktionen“ in festen Kameraeinstellungen einzufangen. Neben der visuellen Sprache ist es vor allem die Rhetorik und Wortwahl der Neuen Rechten, die sie durch Texteinblendungen herausstellen möchte.

Nach Auschwitz – Filmstill

Nach Auschwitz
1-Kanal-Video von Jan Sobotka | 20 min

Jährlich reisen 1,5 Millionen Menschen nach Auschwitz, um das ehemalige nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager zu besuchen. Doch es ist keine Selbstverständlichkeit, den historischen Ort authentisch zu erleben. Behutsam müssen hunderttausende Zeugnisse einzeln dem Verfall entzogen werden.
Die Beobachtung der konservatorischen Arbeiten macht die zeitliche Begrenztheit des Materials bewusst und bietet Gelegenheit, über Inhalt und Zukunft des kulturellen Gedächtnisses nachzudenken.